Omma erzählt nicht von ihren Wehwehchen
Juli 2013


Meine Mutter und ich sind bei Omma. Sie lebt in einer Seniorenwohnanlage in Montabaur/Westerwald. Omma ist erfreulich gut drauf und in sehr angenehmer Plauderlaune. Sie erzählt mal nicht von ihren Wehwehchen. Viel besser: Sie erzählt eine Ruhrpott-Geschichte aus den 50er Jahren. Was eine absolute Premiere ist, denn meine Omma (ruhrdeutsch für „Großmutter“ und keinesfalls eine Beleidigung) erzählt NIE aus ihrem Leben. Aus Ihrem Familienbuch weiß ich, dass sie in Münster geboren und als Adoptivkind in Bremen aufgewachsen ist. Viel mehr eigentlich nicht.

Irgendwie hat es sie nach Dortmund verschlagen. Und hier beginnt die kleine Geschichte. Meine Omma erzählt, wie sie in den 1940ern Arbeit im Stahlwerk Phönix-Ost in Hörde gefunden hat. Nicht als Sekretärin oder so, nein, was richtig handfestes: Meine Omma war Kranführerin und hat Stahlträger auf Eisenbahnwaggons verladen. Sie berichtet von tonnenschweren, manchmal noch rotglühenden Eisenteilen, vom Walzwerk, von der Hektik bei Schichtbeginn und von den groben Kerlen, die dort gearbeitet haben. Bloß einer muss irgendwie anders gewesen sein: ein Bergmann und späterer Rangierer namens Fritz Blank – mein Opa.

Ich weiß nicht, wie sie ausgerechnet jetzt auf das Thema kommt. Aber sie hat eine alte Zeitschrift herausgesucht. Darin eine Reportage, wie das gesamte Werk vor knapp zehn Jahren in einer spektakulären Aktion Schraube für Schraube demontiert wurde. Alle Maschinen – auch „ihr“ Kran, sind nach China exportiert worden. Auf dem Gelände des Stahlwerks Phönix Ost befindet sich heute der großartige Phönixsee. Und dann sagt sie noch etwas: Wie sehr sie die Arbeit im Stahlwerk ausgefüllt hat. Und dass sie nie Hausfrau werden wollte.

Heute, am 14. Juli 2013, ist meine Omma stolze 90 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch!


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