Zerro in Silicon Westervalley – Carsharing Teil 3
Januar 2014


Im Land wo der Ginster blüht und der Wind so kalt über die Höhen pfeift, wo nicht nur sture Basaltköppe, sondern auch meine Eltern wohnen, hat die Zukunft Einzug gehalten. Vor allem Montabaur, die Kreisstadt des Westerwaldes, verändert sich mächtig. Dank ICE-Bahnhof und dem rasanten Aufstieg eines blauen Internetunternehmens ist am Stadtrand ein kleines Silicon Westervalley entstanden. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, und auch von mir eher zufällig entdeckt, hat im November eine weitere zukunftsträchtige Entwicklung den Weg nach Montabaur gefunden: Carsharing.

Carsharing auf dem Land – Geht doch
Dass es ein solches Angebot in einem 12.000-Seelen-Städtchen inmitten einer sonst ländlichen Gegend überhaupt gibt, ist bemerkenswert. Doch die Westerwälder haben noch einen drauf gesetzt: Im gerade entstehenden Aubachviertel zwischen ICE-Park und Innenstadt sind ausschließlich Elektrofahrzeuge stationiert. Gleich sechs Nissan Leaf des Projektes E-Wald stehen an mehreren Stationen. Zwei weitere wohl in Hachenburg im Oberwesterwald. Praktischerweise hat Flinkster, der von mir meistbenutzte Carsharing-Dienst, die Autos in seinen Fahrzeugpool mit aufgenommen. Schöne Sache also, genau mein Ding, musste bei meinem Weihnachtsbesuch gleich ausprobiert werden.

Kurz zur Erklärung: Meine Eltern wohnen in einem Vorort von Montabaur. Die Stadt ist von Essen mit der Bahn in einer Stunde und 20 Minuten erreichbar (eine Kiste gutes Hachenburger Bier für den, der das tagsüber an einem Werktag mit dem Auto schafft). Für für die restlichen 3 km vom Bahnhof nach Hause bleibt mir nur der Fußweg oder ein Taxi. Der Bus ist quasi unbenutzbar. Will ich Freunde in den umliegenden Dörfern besuchen, muss ich meinem Vater den elterlichen Wagen abschwatzen oder ausgedehnte Wanderungen unternehmen (passendes Liedgut: siehe oben). Da kommen mir die Carsharing-Autos gerade recht.

Ey Mann, wo ist mein Auto? – Leichte Startschwierigkeiten
Der erste Einsatz beginnt mit Verwirrung: Das gebuchte Auto ist nicht da. Zwar steht ein Nissan an der Ladestation, doch das Kennzeichen stimmt nicht. Folglich lässt sich der Wagen nicht öffnen. Die Flinkster-Hotline hilft weiter und ermittelt durch GPS-Ortung den tatsächlichen Standort. Warum das Auto woanders steht, wisse man aber nicht. Für meinen Aufwand bekomme ich eine Gutschrift – Flinkster zeigt sich wie gewohnt sehr kundenfreundlich. Ich gehe zur angegebenen Adresse. Mitten auf dem Bahnhofsvorplatz steht mein Leaf als Werbefahrzeug, garniert mit Flyern. Anscheinend hat man hier noch nicht mit „echter“ Carsharing-Kundschaft gerechnet. Nach Rücksprache mit der Hotline nehme ich das Auto trotzdem und stelle es nachher auf den ursprünglich vorgesehenen Platz. Nächste Verwirrung: es gibt nur eine Ladebuchse und nur ein Ladekabel, fest verbunden mit der Säule. Es steckt in dem zweiten Nissan. Da weder Bordbuch noch Stationshinweise im Netz Auskunft geben und ich keine Lust auf weitere Hotline-Telefonate habe, ziehe ich das Kabel kurzerhand aus dem Auto und stecke es in meines. Es funktioniert einwandfrei.

Beinahe Zerro! – Ende einer Ausfahrt
Nächster Tag, zweiter Einsatz. Das Buchungssystem hat dasselbe Auto für mich ausgewählt. Diesmal steht der Leaf dort, wo ich ihn abgestellt habe. Allerdings steckt das Ladekabel wieder in dem anderen Auto. Egal, der Akku ist fast voll, 125 km Reichweite stehen im Display, mehr als 80 km will ich nicht fahren. Auf gehts, AlexAmalex abholen, dann nach Koblenz. Auf gut Glück steuern wir einen Parkplatz an und stehen direkt vor einer E-Auto-Ladesäule. Doch das Kabel aus dem Kofferraum passt nicht, es hat den falschen Stecker. Schade, macht aber auch nichts, 65 km verbleibende Reichweite auf dem Tacho. Ein bisschen wenig, aber ich habe mich auch nicht um eine besonders energiesparende Fahrweise bemüht.

Nach unserem obligatorischen Abendessen in der Kaffeewirtschaft (unbedingter Ausgehtipp für Koblenz) und einem Spaziergang an Rhein und Mosel geht es zurück – diesmal im Eco-Modus, konsequent mit Tempomat, ohne Klimaanlage, ohne Sitzheizung und ohne Lenkradheizung gen Westerwald. Manche sagen, dass der Herrgott dieses Land im Zorn erschuf – und genau das bekommt unser Nissan jetzt zu spüren. Die 380 Höhenmeter vom Rheinufer bis auf die Montabaurer Höhe zieht das Auto konsequent mit über 100 km/h hoch, sie geben unserem halbvollen Akku aber den Rest. Verbleibende Reichweite weniger als 10 km, vermeldet die energische Computerstimme des Bordcomputers bereits vor der höchsten Kuppe. Dabei sind wir bis dahin insgesamt höchstens 60 km gefahren. Es hilft nichts: Zerro, es reicht nicht um die Dame nach Hause zu bringen. Mit rot blinkenden Kontrolleuchten und einer Vier im Display brechen wir unsere Fahrt ab. Immerhin sind wir noch bis zur Ladestation gekommen. Den Rest übernimmt ein Taxi. Und ich gehe mal wieder zu Fuß.

Fazit
Elektro-Carsharing im Westerwald? – Tolles Angebot, läuft aber noch nicht rund. Wer Carsharing und Fahrzeugtyp nicht kennt, wird es erst einmal schwer haben. Ich möchte einen Tausch vorschlagen: Wenn ich das nächste Mal in den Westerwald fahre, bringe ich einen Ruhrauto-Ampera mit Range Extender mit. Dann klappt es auch mit der Reichweite. Der Nissan kommt dann hier nach Rüttenscheid, der ist optimal für die Stadt. Und liebe Nissan-Marketing-Menschen, hört doch mal auf die Leaf-Fahrer. Die beworbenen „bis zu 199 km Reichweite“ sind vielleicht theoretisch irgendwie möglich, im Alltag alles andere als realistisch. 80-100 km kommen der Sache näher. Überhaupt: 199 km? Sind wir hier beim Discounter oder was? Und wer bitte ist auf die schwachsinnige Idee gekommen, eine Lenkradheizung in ein Auto einzubauen, dessen einziges Manko ohnehin Energieknappheit ist?

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Nachtrag
Zwischenzeitlich hat sich Amperio, der Betreiber der Montabaurer e-Autos bei mir mit einer netten eMail gemeldet. Ich war wohl einer der ersten Nutzer, der überhaupt über Flinkster gebucht hat. Es ist, wie das eben so ist mit Pionierprojekten: Man macht Fehler, lernt und verbessert das Angebot Stück für Stück. Inzwischen haben die Autos bessere Parkplätze und ein weiteres Adapterkabel für auch die gängigen RWE/KEVAG-Ladesäulen bekommen. Fünf Säulen in Koblenz können nun kostenlos benutzt werden. Zusätzlich arbeitet man daran, Schnelllader an Supermärkten in ganz Rheinland-Pfalz zu installieren. Ein tolles Projekt, dem ich weiterhin viel Erfolg wünsche!


Zerro in Silicon Westervalley - Carsharing Teil 3