Detailaufnahme einer alten Straßenbahn von innen. Drehgestell und Fußboden sind zu sehen

„Ein Idiot in Uniform“, sagt das Känguru,
„ist immer noch ein Idiot!“
„Ein Idiot in Uniform“, sagt der Sicherheitsdienstleister,
„ist immer noch in Uniform.“
– Marc-Uwe Kling

Februar 2026, Duisburg-Ruhrort: Dauerregen, die Straßenbahn der Linie 901 ist voll gepackt mit Menschen. Die Bahn davor ist ausgefallen. Sprachengewirr, quengelnde Kinder, beschlagene Scheiben. Ab jetzt wird es leider etwas stereotyp.

An einer Haltestelle steigen fünf (!) blau Uniformierte einer privaten Sicherheitsfirma ein. Sie tragen Schutzweste, Kampfstiefel und Handschellen (!) am Gürtel. Sie rufen: „Fahrscheinkontrolle“ aber es klingt wie „Hände hoch, keiner rührt sich!“

Unter den Blauen ist ein großer Schrank. Ich nenne ihn hier mal Axel. Axel hat schon von der Tür aus eine Frau erspäht, die ihr Ticket noch entwerten will und versucht sie davon abzuhalten. Das geht nicht ganz ohne Körperkontakt. Was zugegebenermaßen in der engen Bahn auch nicht einfach wäre. Andererseits ist Axel mindestens zwei Köpfe größer als die Frau und ist sich dessen spürbar bewusst. 

Hat sie das Entwerten vergessen? Musste sie sich erst durch den Gang zum Automaten kämpfen? Ich weiß es nicht. Auf mich macht sie nicht den Eindruck, als gehörte Schwarzfahren zu ihrer politischen Einstellung oder als könnte sie sich das Ticket nicht leisten.

Das Entwerten ist im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr tatsächlich ein beliebtes Spiel. Man kann hier auf Vorrat Tickets kaufen, die man dann in der Bahn in ein Gerät schiebt, das einen Stempel mit Datum und Uhrzeit darauf druckt. Erst dann sind sie für eine gewisse Zeit gültig. Aber nur in eine Fahrtrichtung und auch nur für eine gewisse Distanz. Die Entwerter sind gerne kaputt oder die Stempel blass und unleserlich. Oder man macht sie unleserlich und verwendet den ganzen Tag dasselbe Ticket. Oder man „vergisst“ das Entwerten. Oder man hat beim letzen Mal ein Einzelticket im Bus gekauft, dass bereits sofort entwertet war und ist davon ausgegangen, dass das immer so ist. Vielleicht ist man auch eine Wabe weitergefahren als das Ticket gültig wäre. „Versehentlich“ oder weil eine Fahrt von Essen Hbf in die direkt im Westen angrenzende Stadt Mülheim an der Ruhr Preisstufe A ist, während die Fahrt von Essen Hbf in die direkt im Osten angrenzende Stadt Bochum Preisstufe B ist. Ich selbst bin jahrelang mit meinem damaligen Monatsticket immer mal wieder unbewusst schwarz gefahren. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass es an Werktagen vor 18 Uhr (oder so ähnlich) nur im Tarifgebiet Essen Mitte/Nord galt, nicht aber in Essen Süd. Bin nie kontrolliert worden.

Es ist ein System mit tausend Fallstricken und ebenso vielen Möglichkeiten des Missbrauchs. Das kann so oder so enden. Ich erinnere mich an ältere Damen in Bochum, die ihre frisierten Tickets in Plastikhüllen verstaut haben, damit sie länger frisch bleiben. Bei deren Begegnungen mit Kontrolleuren fällt mir die Assoziation „Gangsterehre“ ein. Man kannte sich.

Die Leitung des Teams in Duisburg hat augenscheinlich eine blonde Frau mit ähnlicher Statur wie Axel. Sie verschafft sich ihre Autorität durch eine laute Stimme, mit der sie ihre Kollegen quer durch die Bahn kommandiert. Sie kontrolliert gerade zwei Frauen, offenbar Mutter und Tochter. Die Ältere spricht nur gebrochen Deutsch und wurde gerade aufgefordert, zu ihrem Deutschlandticket einen Ausweis vorzulegen. Als ihre barsche Ansprache nicht fruchtet, wechselt die Kommandantin in ein umständliches Behördendeutsch. Zwischenzeitlich hat sich die Tochter eingeschaltet und erklärt akzentfrei, dass ihre Mutter zwar ihr Handy dabei hat, aber keine Dokumente. Auch hier weiß ich nicht genau was los ist, warum sich die Frau nicht ausweisen kann. Aber ich habe eine Vermutung: Sie will nicht. Ich denke, Sie hat die Erfahrung gemacht, dass man Uniformen und Sicherheitskräften grundsätzlich nicht trauen kann. 

Dass man sich überhaupt zusätzlich zum Deutschlandticket ausweisen muss, macht auch mir regelmäßig Puls. Vermutlich aufgrund der Pedanterie, die einige KontrolleurInnen an den Tag legen. Bei der trotz vorgezeigtem Ticket immer noch implizit die Beförderungserschleichung im Raum steht bis auch noch der amtliche Lichtbildausweis kontrolliert ist. Dabei tut meine Identität nichts zur Sache. Wichtig ist nur, dass ich als Inhaber mit dem Ticket fahre. Aber wer ich bin, geht den Menschen, der das kontrollieren soll, einen feuchten Kehricht an. Als der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Schweitzer neulich ein einheitliches D-Ticket mit Foto gefordert hat, dachte ich: Es könnte so einfach sein.

Dabei habe ich als mittelalter, kartoffeliger Christian wirklich wenig zu befürchten. Weder von Kontrolleuren, noch von der Polizei oder der Zentralen Ausländerbehörde, die hier bei uns in Auftreten und Kleidung von ersteren kaum zu unterscheiden ist. Das ist ein Privileg, ich fange an es zu nutzen. Menschen meiner Bevölkerungskohorte können ziemlich reaktant gegenüber Autoritäten sein, deren Zweck und Legitimation sie in Frage stellen. Und das durchaus subtil. Je nach Ton der Ansprache gehe ich mittlerweile dazu über, zivil gekleidete Kontrolleure freundlich nach ihrem Dienstausweis zu fragen. Das bringt einen meist ganz gut auf Augenhöhe. Aber oft bin ich dann doch zu feige für echte Zivilcourage.  

An diesem Tag in Duisburg wird meine aufsteigende Wut gebremst, als sich die Kommandantin ihrer Managementfunktion bewusst wird und davonpflügt, um Axel zu unterstützen. Dessen gestellte Straftäterin mit dem nicht ganz korrekten Ticket versucht gerade seiner Körperpräsenz zu entfliehen und taucht unter ihm durch Richtung Tür. Die Kommandantin befiehlt unterdessen einen Kollegen zu der ausstehenden Identitätsfeststellung. Geben wir auch ihm einen Namen: Anas, syrisch für Freundlichkeit oder Wohlwollen. Er erklärt der Frau aus welchem Grund sie sich ausweisen sollte und lässt sie dann erst einmal in Ruhe. Als er mein D-Ticket kontrolliert, werde ich nicht nach dem Ausweis gefragt. Die fünf Blauen samt ihren Delinquentinnen verlassen an der nächsten Haltestelle die Bahn.  Es ist still geworden, viele Fahrgäste studieren den Fußboden.

„Sicherheit“ steht auf der Kleidung des Schwarzfahrer-SEK. Was sie eher vermitteln, ist Angst und Schrecken. Muss das sein? Wie lange, bis sie auf diese Weise statt zwei verschüchterter Frauen jemand so in die Enge getrieben haben, dass ihm die Sicherungen durchbrennen? Würde mich nicht wundern, wenn an diesem Tag die derzeit so gerne geforderte Bodycam zufällig kaputt ist.

Podcast-Tipp:
99% Invisible, Episode 216 „The Blazer Experiment“
For many years, the Menlo Park police had worn some variation of the traditional, pseudo-military, dark blue uniform. But new police-chief Victor Cizanckas thought that look was too intimidating and aggressive, so he traded it for dress shirts with ties, and a blazer. Guns and handcuffs remained hidden under the jacket. But the new look was only the most visible reform that Cizanckas introduced. 

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