Bauschuttcontainer wird nicht bauseits gestellt

Baumeister, Kringel und Zwieback 15. Oktober 2015

Die Sprache im Bauwesen ist voller wunderlicher Absurditäten. Zeit, ein paar von den altertümlichen Begriffen abzustauben und ans Tageslicht zu holen. Es wird höflichst erbeten, Zusammenhänge dieser unregelmäßig aktualisierten Liste selbst zu ergooglen.  

Schluffhorizont

Eisenkollision

dekorative Motivation

Brauseschieber

keramische Fassade mit energetischer Komponente

maximale Hohlraumfreiheit

Wandbildner

Überzahn (Bei einem Ortschliff sind keine Überzähne zu tolerieren!)

Mutterpause (die Älteren werden sich erinnern, besonders an den Geruch)

Kalkspatzen

durchschwabbeln (mit der Schwabbelstange)

Belegreifheizen

mit Wasserzug abstucken

vollsatt im Dickbett

Spritzbewurf

Angetragener Stuckmarmor

Kratzigel

Kaliberbersten bei Ovalitäten

Die Aufbrennsperre ist kein Filmbildner

Abgekelltes Intonaco

Muffengrube

Rüttelsicherung mit Sägezahnkontur

Gemengehaus in Gleitschalbauweise

Kehlvernutung

 

Let’s test your Knowledge and see what you’ve learned so far – The EV-Edition

Steckerautos, Unterwegs 4. November 2018

Längere Fahrten mit einem Elektrofahrzeug funktionieren in der Regel ganz einfach: Man fährt zum Zielort. Während man dort zu tun hat, kann das Auto in Ruhe wieder aufladen. Dazu genügt jede beliebige 230V-Steckdose. Man fährt zurück. Vertraut ruhig auf meine Erfahrung, ich bin Profi.

Let’s test your Knowledge and see what you’ve learned so far

Die Aufgabe: Eine Fahrt von Essen nach Montabaur mit einer Renault Zoe Z.E. 40

Die Ideallösung: Man fährt nach Montabaur. Man lädt das Auto bei den zu besuchenden Freunden vor der Garage und fährt abends wieder zurück.

Die Praxislösung: Profis wie ich beziehen neben Reichweite des Fahrzeugs und zu fahrender Strecke natürlich weitere Faktoren in ihre Reiseplanung mit ein: Außentemperatur, Höhenprofil der Strecke, Ladegeschwindigkeit des Autos – all das beeinflusst die Reichweite und die optimale Fahrgeschwindigkeit. Wie verbringe ich die Zeit, falls ich laden muss? Ich nehme ein Buch mit und fahre los.

Kilometer 120/A3/Raststätte Fernthal: Bislang habe ich 22kWh Strom verbraucht. Ich lege 30 min. Frühstückspause ein. Das Auto lädt kostenlos an der Schnellladesäule. Sicher ist sicher.

Kilometer 170/Ankunft bei Montabaur: Ich habe von Essen bis hierher 30 kWh Strom gebraucht. Der Akku hat 40 kWh. Warum habe ich vorhin geladen, wäre doch komfortabel angekommen? Ich beschließe, bei den Freunden nicht nach einer Steckdose zu fragen. Stehen schon so viele Autos im Hof, da will ich mit meinem E-Auto-Spleen nicht nerven.

Kilometer 180/A3/Raststätte Landsberg a.d. Warthe: Kurz vor Mitternacht fahre ich raus. Ladestopp, einen Tee trinken, lesen. Doch die EnBW-Ladesäule meldet einen Systemfehler und akzeptiert die Ladekarte des Carsharing-Anbieters nicht. Traue mich trotz ausreichender Restreichweite und dem Wissen um etliche weitere Stationen auf der Strecke nicht weiterzufahren. Es gelingt mir, die Säule auf eigene Kosten mit der Newmotion-App zu aktivieren. Eigentlich ist Strom im Mietpreis des Autos inbegriffen, jetzt zahle ich drauf. Kalt ist es auch. Das Rasthaus hat schon geschlossen (Häh, ich dachte so etwas ist 24 Stunden offen?). Drücke den Startknopf des Renaults um die Heizung zu aktivieren. Merke nicht, dass dadurch der Ladevorgang abbricht. Sitze eine Viertelstunde vollkommen sinnlos im Auto bevor ich das mitbekomme. Sitze eine weitere Weile im Kalten bevor ich merke, dass am Schlüssel ein Knopf mit Heizungssymbol ist, mit dem sich der Innenraum ferngesteuert vorheizen lässt. Wohlige Wärme. Trotzdem beschließe ich abzubrechen und eine offene Raststätte zu suchen.

Kilometer 240/A3/Raststätte Siegburg: Ohne einen weiteren Ladestopp werde ich mein Ziel nicht erreichen, sagt der Bordcomputer. Außerdem meldet das Radio eine Vollsperrung der Autobahn auf meiner Strecke. Also lieber Nummer Sicher und den Akku bis auf 80 % aufladen – was in diesem Fall rund eine Stunde dauert, denn die Zoe lädt nur mit 22kW/Typ2-Stecker. Das habe ich ja bereits in meine Reiseplanung einbezogen und deshalb längere Ladestopps unterwegs vermieden *hüstel*.

Kilometer 360: Ankunft in Essen. 30 % Restakku. In Siegburg viel zu lange unnötig gestanden. Überhaupt unnötig gestanden: 32 kWh habe ich auf der Rückfahrt gebraucht, Nonstop wäre wieder überhaupt kein Problem gewesen. Wie ein Profi.

Tiefschwarz 3

Baumeister, Tiefer im Westen 12. September 2018

2012 habe ich angefangen unter dem Titel „Tiefschwarz“ typische „zweckmäßige Nachkriegshäuser mit ihren grau-schwarzen Fassaden“ zu fotografieren. Inzwischen wäscht der Ruhrpott-Dreck immer mehr runter und die Fassaden werden wieder sauber. Dadurch kommt etwas zum Vorschein, das ich ich übersehen habe: Unter der Schmutzschicht ist nicht alles grau, einige der Häuser sind farbig. Beige, gelblich, rötlich, grünlich. Diese Putzfassaden sind ein schönes Stück Industriegeschichte jenseits von Kohle, Stahl und Bier (siehe auch Forschungsbericht der FH Potsdam). Und das kam so:

1883 gründet sich die „Terranova-Industrie“. Der Fabrikant Dipl.-Ing. Carl August Kapferer und der Architekt Dr. Ing. Wilhelm Schleuning nehmen in der Oberpfalz die Fabrikation von „Terranova D.R.P.“ auf. Es wird Putz in den Farbtönen Gelb, Hellrot, Dunkelrot, Silbergrau, Gelblich, Grüngrau und Rötlich angeboten. Die Neuheit: Das Material dieser „Edelputze“ kommt schon fertig angemischt auf die Baustelle, es muss nicht mehr wie in früheren Zeiten von Hand aus verschiedenen Sanden, Gesteinsmehlen, Kalk und/oder Zement vor Ort hergestellt werden. Nur noch Sack aufreißen, Wasser drauf, fertig. Vor allem sind die Putze bereits im Werk durchgefärbt, man muss – und sollte immer noch – die Fassade nicht streichen. 

Die neuen Putze setzen sich durch. In den 1930er Jahren werben die „Terranova- und Steinputzwerke Essen-Kupferdreh (Fernruf: Essen 59554 / Drahtwort: Terranova)” für ihre „weltbekannten farbigen Trockenmörtel für Außen- und Innenputz“. Der Steinputz, bei dem ein harter Zementmörtel nach dem Abbinden steinmetzmäßig bearbeitet wird, wurde laut Bürgerschaft sogar in Kupferdreh erfunden. „Durch ihre mit großer Beharrlichkeit betriebenen Versuche in der Herstellung dieses Putzes haben die Vereinigten Steinwerke in Kupferdreh die Führung erhalten“, schreibt der Architekt Albert Betten 1927 in der Deutschen Bauzeitung. In der Zwischenkriegszeit erscheinen auch erste DIN-Normen zum Thema und der „Bund zur Förderung der Farbe im Stadtbild e.V.“ gibt das Merkblatt „farbige Trockenmörtel“ für Edel- und Steinputze heraus. Doch die Bauleute sprachen lieber von „Terranova”, im Sinne wie wir heute von Tesa statt von transparentem Klebefilm sprechen. 

Und nach dem Krieg? Hat man die industrielle Entwicklung wohl einfach wieder aufgegriffen. Der Wiederaufbau im Ruhrgebiet ist geprägt von „Terranovafassaden“. Steinputze für Sockel und Türeinfassungen, Kratzputze für die Fassadenfläche. „Vermöge ihrer Dauerhaftigkeit, Lichtechtheit und Wetterfestigkeit sind sie der Werkstoff für farbige Architekturgestaltung und dabei infolge ihrer Ausgiebigkeit auch sehr wirtschaftlich“, wirbt Terranova.

Rund 60 bis 70 Jahre später kann ich sagen: stimmt. Viele der Fassaden sind, obwohl rußverdreckt oder doch überstrichen, technisch gut in Schuss. Vor allem wenn man bedenkt, dass all die Jahre nie etwas daran gemacht wurde. Sie entsprechen bloß nicht mehr unserem ästhetischen Empfinden und unseren Ansprüchen an die Energieeffizienz. Es gibt daher immer weniger dieser Originale. Und so möchte ich mit einem Satz schließen, den ich schon 2012 in dem Beitrag geschrieben habe: Man müsste sie unter Denkmalschutz stellen, diese letzten Zeugen der industriellen Vergangenheit. 

P.S.: Man kann solche Fassaden auch prima neuinterpretieren, auch wenn dieses Beispiel von Bez + Kock nicht im Ruhrgebiet steht.

 

Nissan Leaf an einer Schnellladesäule in Montabaur

Müssen nur wollen

Unterwegs 11. Juni 2018

Über die schlechte Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Deutschland wird viel geätzt. Ich war ein ganzes Wochenende mit einem Nissan Leaf der neuesten Generation von Nextmove unterwegs. Über 500 km sind zusammengekommen und so waren ein paar Ladestopps sinnvoll. Diesmal habe ich gleich an zwei Orten mit richtig guten Ladelösungen Halt gemacht. Geht also doch, man muss nur wollen.

Strom ist doch gelb – zumindest in Montabaur
Ich kann doch nicht einfach… Doch, ich kann. In Montabaur den steilen Schlossberg hoch und durch das barocke Tor der Vorburg zur Ladesäule fahren. Beim ersten Mal kam sogar ein Mitarbeiter freudestrahlend und winkend aus der Rezeption gelaufen und hat mir den Weg gezeigt. Mittlerweile fahre ich gerne für einen Ladestopp zum gelben Wahrzeichen der Stadt Montabaur. Der Service ist gut, bringt Gäste in die Stadt und die Bezahlung ist flexibel und im üblichen Preisrahmen. Man kann einfach mit Kredit- oder EC-Karte zum Festpreis von 6,95 € bezahlen. Unglaublich und für “normale” Autofahrer völlig unverständlich, dass das nicht der Standard ist. Doch die meisten Ladesäulen erfordern tatsächlich neben einer Registrierung beim Anbieter eine App oder eine Ladekarte oder sogar beides. Selbst als Gelegenheitsfahrer habe ich locker vier verschiedene Apps auf dem Smartphone. Ohne nachzuschauen fallen mir Newmotion, Fastned, DKV und Innogy ein. Aus diesen Gründen ist für mich klar: Die praktischste und vor allem idyllischste Stromtankstelle im Westerwald steht auf Schloss Montabaur.

Stromtankstelle auf Schloss Montabaur

 

Der Steckerautobäcker
Die Autovermietung will den Nissan vollgeladen zurück, also muss ich noch mal an die Säule und die letzten paar Prozente auffüllen. Bietet sich an, das mit einer Frühstückspause zu verbinden. In Hilden bei Düsseldorf erwartet mich eine Überraschung: Bio-Bäcker Schüren hat sein komplettes Backstubendach mit Photovoltaik zugepackt. Backshop und Café dazu, ein Solar-Carport mit über zehn Ladeplätzen davor, fertig ist der Ladepark Kreuz-Hilden. Was die Anlage an Überschuss abwirft, können die Kunden nutzen. Lediglich die energieintensive Schnellladung ist kostenpflichtig. Man kauft eine Ladekarte für 6 € oder nimmt gleich ein Menü wie das 22kW-E-Mobil-Frühstück. Während ich in der Sonne meinen Kaffee schlürfe und das Auto lädt, surren Elektrotransporter der Bäckerei vorbei, holen Zoe-Fahrer ihre Brötchen, manövriert ein Tesla an den Destination-Charger. Tesla scheint Bäcker Schürens große Leidenschaft zu sein. Es gibt Tesla-iPhone-Supercharger und auf dem Weg zum Klo steht ein lebensgroßer Papp-Elon Musk. Verrückt? – Enthusiastisch auf jeden Fall und dazu noch konsequent durchdacht. Top 3 beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis und mein bislang schönstes Ladeerlebnis.

 

(Sorry, mein WordPress-Template ist komisch. Ab jetzt kommen dieselben Bilder noch einmal.)

Rostocker Fischplatte

Baumeister, Unterwegs 6. April 2018

Meine Schwester verlässt die Uni Rostock und damit ihre Plattenbauwohnung in der Aalstecherstraße. Abgesehen von den stümperhaft verschweißten Treppengeländern – das scheint ein Markenzeichen des DDR-Plattenbaus zu sein – muss ich sagen: Ich bin von Architektur und Städtebau des ganzen Viertels wirklich beeindruckt. Die Gebäude fügen sich sehr harmonisch in die Gegend zwischen Altstadt und Stadthafen ein. Die Wohnungen sind gut geschnitten, schön hell und gepflegt. Vor allem sind die Fassaden aus dem Jahr 1984 mit ihren variierenden Klinkerreliefs unverändert erhalten geblieben. Ach, ich bin sowieso ein Fanboy des hanseatischen Kontorhauses und jeglicher Neuinterpretation dieses Gebäudetyps. Wer es genauer wissen will: “Jeder qm Du” hat das Viertel ausführlich dokumentiert.

Architektur: Wohnungsbaukombinat Rostock, Kollektiv Oberingenieur Erich Kaufmann
Städtebau: Büro für Stadtplanung, Prof. Dr.-Ing. Rolf Lasch (evtl. Rudolf Lasch?)

Renault Zoe Front mit Ladestecker

Renault Zoe bei Stadtmobil – Carsharing Teil 5

Steckerautos, Unterwegs 11. Oktober 2017

Stadtmobil RheinRuhr hat jetzt in Essen auch ein Elektrofahrzeug im Angebot. Es ist ein Renault Zoe ZE 40 und er steht auf der Margarethenhöhe.

tl;dr? – Unten meine Einschätzung, für welche Zwecke ich den Renault nutzen würde.

Ich habe den Zoe mittlerweile mehrfach geliehen und bin begeistert von Alltagstauglichkeit, Design und Komfort. Navi ist eingebaut, samt Anzeige der jeweiligen Geschwindigkeitsbegrenzungen, deren überschreiten der Zoe mit einem dezenten Geräusch anmahnt. Kurzum: Der Franzose ist ein prima Kleinwagen und das Fahrgefühl in Elektroautos ist sowieso unvergleichlich gut.

Reichweite – sehr gut aber schwer einzuschätzen
Besonders wer noch keine Erfahrung mit Elektromobilität hat, wird sich mit dem Zoe schnell zurechtfinden. Das Auto hat mit 41 KWh einen für einen Kleinwagen erstaunlich großen Akku und laut Renault eine Reichweite von “bis zu 400 km”. Diese Normangabe ist, wie auch die Verbrauchsangaben bei Verbrennern, reichlich idealistisch. Neben der Außentemperatur spielt vor allem die Fahrweise eine Rolle. Hohe Geschwindigkeiten nagen, aufgrund des steigenden Luftwiderstands, überproportional an der Reichweite. Gleiches gilt für starke Beschleunigungen. Bremsen und bergab fahren hingegen speist Energie zurück in den Akku. Ich sehe das durchaus positiv: Mit einem Elektroauto wird man sich seines Energieverbrauchs erst richtig bewusst. 

Ladezeit – perfekt auf die Bedingungen im Ruhrgebiet angepasst 
Der größte Vorteil des Zoe ist, dass er die gängigsten Wechselstrom-Ladesäulen, wie sie auch überall im Ruhrgebiet stehen, voll ausnutzen kann. Diese liefern eine Leistung von maximal 22 KW mit dem sogenannten TYP-2-Stecker. An diesen Ladesäulen ist der Zoe binnen einer Stunde zu 50 % geladen. Zum Vergleich: Damit lädt das Auto 6x so schnell wie ein Nissan Leaf (max. 3,7 KW) und 3x so schnell wie ein BMW i3 (max. 7,4 KW), um zwei Fahrzeuge zu nennen, die es in Essen ebenfalls im Carsharing gibt. Genau das kann zum Nachteil werden, wenn man auf längeren Strecken unterwegs ist. Denn der Zoe lädt nur mit Typ 2. Nissan und BMW hingegen haben noch eine zweite Steckdose, über die an geeigneten Schnellladestationen 50 KW Gleichstrom ins Auto fließen, und die damit rund doppelt so schnell wie der Renault laden. 

Nachdem das nun alles etwas technisch war, hier meine Einschätzung, was sich mit dem Zoe anstellen lässt, und wie weit man mit einer Akkuladung kommt:

Wofür eignet sich der Zoe?

Best-Case-Szenarien – der Akku ist kaum kleinzukriegen:

  • Kurzstrecke in der Stadt. Also wahrscheinlich der größte Teil der Fahrten, auf denen so ein Carsharing-Auto eingesetzt wird. Auf vielen Parkplätzen (z.B. am Rüttenscheider Stern) parkt man mit dem E-Auto auf reservierten Plätzen, wenn man das Ladekabel anstöpselt. Sehr praktisch. Gut finde ich auch den großen Kofferraum, da gehen ordentlich Einkäufe rein. Dafür ist das Auto konstruiert, dafür funktioniert es hervorragend.
  • Den ganzen Tag im Ruhrgebiet unterwegs, dabei entspannt im Verkehr mitschwimmen und auch mal flotter unterwegs sein. 

Mein Durchschnittsverbrauch: 10 bis 15 kWh/100km
Meine Reichweite: 210 bis 300 km*

Good-Case-Szenario – Ladestand zwischendurch checken:

  • Wochenendausflug und ähnliche “Mittelstrecken” mit längerem Aufenthalt am Zielort. Morgens los, bis zu 200 km einfache Strecke, größtenteils Landstraße, bisschen Autobahn. Am Zielort laden, abends entspannt mit vollem Akku zurück nach Essen. Keine Sorge, die Ladeinfrastruktur ist gar nicht mal schlecht. Ich empfehle einen Routenplaner wie Going Electric. Vorher gucken, ne! Nicht unterwegs.**

Mein Durchschnittsverbrauch: ca. 16 bis 18 kWh/100km
Meine Reichweite: ca. 180 bis 230 km*

Not-so-good-Case-Szenario – ständiger Blick auf den Ladestand:

  • Längere Strecken auf der Autobahn > 200 km. Geht, wenn man Zeit für Ladestopps (ca. 1 Stunde Ladezeit für 100 km zusätzliche Reichweite) mitbringt. Langsamer fahren, dadurch weniger verbrauchen und durchkommen ist oft schneller. Das bisschen Zeitgewinn durch die höhere Geschwindigkeit verliert man an der Ladesäule wieder. Eher was für Hypermiler und andere Ethusiasten.

Durchschnittsverbrauch: 20 bis 25 kWh/100km
Meine Reichweite: 160 km (220 km mit 30 min. Kaffeepause/Ladestopp)*

Worst-Case-Szenario – nimm besser ein anderes Auto oder die Bahn:

  • Autobahnkilometer fressen, z.B. für Urlaub an der Ostsee oder Termin in Hamburg oder so was.

––––

* Ich plane sehr konservativ mit 20 % Reserve, also sind von 41 KWh Akkukapazität rund 32 kWh effektiv nutzbar. Start jeweils bei 100 % Ladung.

** Im Moment nur an kostenlosen Ladesäulen. Stadtmobil hat mir mitgeteilt, dass noch eine “Tankkarte” ins Auto kommt, so dass man überall laden kann.

Nissan Leaf an der Ladesäule bei Nacht

Elektrisch läufts hervorragend – Carsharing Teil 4

Steckerautos, Unterwegs 26. September 2017

Juli 2017: Verblüffung an der Ladesäule, die Rest-Reichweite des Carsharing-Elektroautos hat nach einer Fahrt bis Dortmund und zurück kaum abgenommen. Was ist da los? Googeln und eine kurze Nachfrage beim Anbieter ergibt: Den Nissan Leaf gibt es jetzt mit einer größeren Batterie. 30 kWh statt bislang 24 kWh Kapazität und einige Verbesserungen an der Elektronik erhöhen die Reichweite enorm. Ruhrauto-e hat seine gesamte Leaf-Flotte bereits Anfang 2017 komplett erneuert. Davon habe ich nichts mitbekommen, vermutlich weil die Wagen äußerlich identisch mit ihren Vorgängern sind, aber auch weil an meinen favorisierten Leihstation zuletzt meist die schrulligen BMW i3 standen.  

Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn
Der neue Leaf ermöglicht sorgloses Fahren auf Strecken, die ich bislang mit E-Kleinwagen vermieden hätte. Klar, für die Autobahn-Langstrecke sind die Autos grundsätzlich nicht konzipiert, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Trotzdem wollte ich das mal bewusst ausreizen. Als guter Deutscher muss man schließlich über die Autobahn brettern können. Die Strecke:

– Essen-Köln-Wuppertal-Bochum-Essen, insgesamt ca. 175 km. 
– Geschwindigkeiten bis 160 km/h (Tacho), oder soviel die Geschwindigkeitsbegrenzung jeweils erlaubt hat.
– Im Bergischen Land bewusst “pedal to the floor” gefahren.
– Eco-Modus ausgeschaltet. 

Ergebnis: Der Leaf surrt kraftvoll durch Berg und Tal und kommt dabei auf einen Durchschnittsverbrauch von 17,0 kWh/100km. Entspricht dem Energieinhalt von nur 2,14 l/100km Benzin. Im Ruhrgebiet fahre ich ihn sonst mit rund 14 kWh/100km.

Lad & Rast statt Tank & Rast
Ebenso von mir unbemerkt hat sich die Ladeinfrastruktur deutschlandweit enorm verbessert. Beispielsweise hat Tank & Rast eine Menge Raststätten mit Ladesäulen für alle gängigen Fahrzeugtypen ausgestattet. Auch das musste doch gleich ausprobiert werden. Nötig gewesen wärs auf dieser Fahrt nicht. Es hätte auch so locker nach Hause gereicht. Doch tatsächlich: Dank ChaDeMo-Schnelllader ist der Akku des Leaf ruckzuck wieder voll. Ich weiß noch nicht einmal, wie lange es tatsächlich gedauert hat, denn nach weniger als einer halben Stunde bei einem Kaffee in der Raststätte zeigte das Display bereits 100 %. Grob überschlagen – die Ladekurve verläuft eigentlich nicht linear – lässt sich sagen: 

30 KWh Akku um 50 % aufladen -> 15 kWh benötigt
ChaDeMo bringt 50 KW -> 15 kWh in nur 18 min. geladen

Fährt man nicht gerade wie die gesengte Sau, bringen einen diese 15 kWh locker 100 km weit. Mit vollem Akku sind es realistische 240 km. Klar, weniger als bei einem Verbrenner aber hey, nach der Zeit ist sowieso mal eine Pause angebracht. 

Fazit:
Wir sind bezüglich Fahrleistung und Ladeinfrastruktur an einem Punkt angekommen, an dem wir das Thema “Reichweitenangst” langsam bei den Seniorenwörtern abheften können. Derzeit schauen alle auf Teslas Model 3, dabei ist der Nissan Leaf das meistverkaufte BEV (Battery Electric Vehicle) der Welt. Sicher nicht zu Unrecht: Das japanische Design mag uns Europäern etwas seltsam vorkommen, dafür sind Technik, Ergonomie und Nutzwert super. Das ist aber noch nicht alles, wie in der Wikipedia zu lesen ist:

“Laut der Automotive Science Group ist der Nissan Leaf das Auto mit der besten ökologischen, sozialen und ökonomischen Gesamtbilanz aller 1400 in Nordamerika erhältlichen Fahrzeuge. Der Leaf ist zudem das Auto mit der besten CO₂-Bilanz auf Basis einer Lebenszyklusanalyse.”

Da müssen andere erst einmal hinkommen. Wenn es also in diesem ganzen Elektroauto-Business neben Tesla einen Player gibt, dem ich den langfristigen Erfolg wirklich wünsche, dann ist das Nissan. Die nächste Generation des Leaf steht schon in den Startlöchern und wird locker 400 km erreichen. Ich hoffe, dass sie schnell nach Essen kommt und hier dem E-Carsharing noch mehr Popularität verschafft.

Essen City Flag

Kringel und Zwieback, Tiefer im Westen 20. August 2016

Design- und Architekturthemen in einer Radioshow oder einem Podcast – das ist mir immer als die Quadratur des Kreises vorgekommen. Nun, Irrtum, Roman Mars mit seinem Format “99 percent invisible” kann eckige Kreise. Und zwar verdammt gut. Eine der Episoden hat er in einem TED-Talk live aufgeführt. Bevor ihr weiterlest: Angucken! Mich hat nämlich nicht nur das Format, sondern auch das Thema gepackt.

tl;dw? – Hier die Kurzform:
The worst-designed thing you’ve never noticed” ist möglicherweise die Flagge Deiner Heimatstadt. Die meisten Städte haben eigene Flaggen. Viele sehen einfach nur schrecklich aus. Eine gut gestaltete Flagge hingegen ist in der Stadt allgegenwärtig. Sie ist Ausdruck von Bürgerstolz  und Zusammenhalt. 

Als ich das Video das erste Mal gesehen habe, war ich in Hamburg. Dort ist das so: Die weiße Burg auf rotem Grund ist überall. Als Flagge an Gebäuden und Schiffen; auf der Kleidung der konservativen hanseatischen Pfeffersäcke genauso wie bei den coolen Sachen von Derbe. Geht aber noch besser. “The most badass city flag” hat laut Roman Mars Amsterdam:

Flag of Amsterdam.svg

Warum das so ist? Hier noch mal die “five basic principles of flag design” aus dem Video:

1. Keep it Simple: A flag should be so simple that a child can draw it from memory.
2. Use Meaningful Symbolism
3. Use Two to Three Basic Colours
4. No Lettering or Seals (because you can’t read that from a distance)
5. Be Distinctive (or Be Related)

Okay, Roman Mars im Video schaut auf seine Heimatstadt San Francisco, ich hab mich danach gefragt, wie eigentlich die Flagge von Essen aussieht. Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht:

Flagge Essen

Die Essener Stadtflagge ist immerhin besser als die ganzen SOBs (seals on a bad sheet), über die im Video so herzlich gelacht wird. Mal abgesehen davon, dass Heraldiker bei dem Wappen Migräne bekommen, wie die Wikipedia berichtet. Heraldisch richtig müssten wohl die beiden Schilder zusammengezogen werden, und obendrauf gehört bei einer Stadt eine Burgmauer, keine Krone. So eine Version findet sich übrigens auf dem Handelshof, rechts und links neben dem Schriftzug “Essen die Einkaufsstadt”. Die Stadt selbst findet ihr Wappen “weltweit einmalig” – Regel 5 “be distinctive” der “five basic principles of flag design” immerhin erfüllt. Aber das Ding ist einfach mega kompliziert. Regel 1 – wer soll das aus dem Gedächtnis nachzeichnen? 

“In every bad flag there’s a good flag that wants to come out”
Schauen wir doch mal, was wir haben:

Den Reichsadler aus dem Wappen verwenden ganz viele andere Städte auch. Dortmund beispielsweise. Regel 1 Nachzeichnen können? – nahezu unmöglich. 

Die Bedeutung des Schwertes dürfte den Essener Bürgern weitgehend unbekannt sein. Es stammt bereits aus dem 14. Jahrhundert und geht auf des Äbtissin des Stifts Essen zurück. Ein Richtschwert wohl immerhin, und damit ein Symbol für Gerechtigkeit. Müsste größer werden, mehr Raum einnehmen und stilisiert werden. Frage mich aber trotzdem, ob ich ein Schwert auf T-Shirts drucken würde? 

Vielleicht braucht es ein neues Symbol. Zollverein und die Silhouette des Förderturms sind zu Wahrzeichen der Stadt geworden. Ein bisschen rückwärtsgewandt vielleicht. Dummerweise hütet die Stiftung Zollverein diese Symbolik, wie das IOC die Rio-Hashtags. Eine Copyright-reglementierte Stadtflagge – das will nun wirklich niemand.

Farben: Gelb und Blau sind die Stadtfarben und die Flagge gibt es auch in einer Variante ohne das Wappen. Diskussion damit erledigt? Vielleicht. Gelb und Blau, das können höchstens die Schweden in cool. Es sieht einfach schnell billig aus. Gemeinsam mit dem Wappen wie eine vollgeramschte Edeka-Filiale. Ich glaub die Verkehrsbetriebe haben das auch gemerkt. Früher waren die Straßenbahnen Blau-Gelb, heute nur noch in einem etwas dunkleren gelb mit anthrazitfarben abgesetzten Fensterbändern. Die Stadt selbst hingegen verzichtet auf das Gelb und setzt in Grafikdesigns nur auf blau. Langweilig. 

Vielleicht muss eine neue Farbe her. Schwarz für Kohle und das industrielle Erbe beispielsweise. Es gibt noch einen weiteren Kandidaten, der es ruhrgebietsweit in der Architektur zu einem beträchtlichen Symbolwert geschafft hat. Karl-Heinz Petzinka hat die Farbe in der Jahrhunderthalle Bochum genutzt, Rem Koolhaas bei der Kohlenwäsche auf Zollverein, Benthem Crouwel beim Bergbaumuseum in Bochum. Die Rede ist von Orange. Glühende Kohle, Stahl, Energie – all das steckt in dieser kraftvollen Farbe. 

Okay, gelb, blau, orange – geht nicht zusammen, oder? Doch, geht. Ist mir beim Wäsche falten aufgefallen. Und siehe da: Es wird bunt. Essen will Stadt der Kunst, Kultur und Kreativität sein? Hier ist ein erster Vorschlag für ein Banner, unter dem das stattfinden könnte:

EssenCityFlag

 

Andere Ideen für eine Essener Stadtflagge? – Schreib mir!

Pirate Style 2: Keine Handbreit Wasser unter dem Kiel

Pirate Style, Unterwegs 14. Mai 2016

Sonntag, 3. April 2016. Eine Welle von Menschen schwappt in Den Helder aus dem Intercity aus Amsterdam, flutet die Barrieren des niederländischen Bahnsteigs. Zwei bleiben hängen, wie in einem Fischernetz. Wir sind zwei Deutsche, das Scannen unseres DB-Onlinetickets will einfach nicht funktionieren. Wir mustern uns, und irgendwie es schnell klar, dass wir dasselbe Ziel haben: Die Tres Hombres.

Burkhard und ich finden unser Schiff nicht an seinem angestammten Liegeplatz, sondern auf der Werft. Es geht zu wie auf einem Ameisenhaufen. Besatzung und unzählige freiwillige Helfer werkeln auf, in und unter dem Schiff. Wir haben Glück: Wir sind früh dran und bekommen Kojen mittschiffs hinter dem Frachtraum zugewiesen, dort wo auch die Crew schläft. Der Rest der Trainees logiert zu sechst “vor dem Mast”. Wir sind immerhin nur zu zweit und haben eine kleine Nische, die uns ein bisschen Privatsphäre bietet. Später werden Burkhard und ich in verschiedene Wachen eingeteilt, so dass ich das Quartier sogar größtenteils für mich alleine habe. Für mich Einzelgänger auf jeden Fall ein Glücksfall. Der einzige an Bord, der eine richtige Tür hinter sich schließen kann, ist der Capt’n.

Luxuriös ist die Unterbringung nicht. Die Tres Hombres mag ein stolzes Segelschiff sein, unter Deck gleicht sie eher eine Baubaracke. Unsere Kabine, wenn man sie denn so nennen mag, ist ein einfacher Bretterverschlag ohne Tageslicht. Wenn ich in der Koje liege, habe ich direkt links neben mir die Bordwand aus grob gehobelten ungestrichenen Holzplanken. Knapp 30 oder 40 Zentimeter über meinem Kopf verlaufen rostige Stahlträger, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Später wird mir klar: Bei der salzigen Seeluft rostet einfach alles binnen kurzer Zeit. Selbst der Edelstahl-Deckel der billigen Armbanduhr einer Mitseglerin. Aufrecht sitzen geht in meiner Koje nicht, aber wenigstens ist die Matratze lang genug für meine 1,82 Meter. Solange wir noch auf der abschüssigen Slipanlage der Werft liegen, zeigt mein Kopf zudem leicht nach unten. Wir könnten von der Reederei auch ein Zimmer in Den Helder bekommen, aber hey, wir sind an Bord und gehen hier nicht weg.

Wo wir gerade beim Thema Luxus sind: Es gibt elektrische Beleuchtung und der Navigationsraum ist vollgestopft mit sämtlicher Elektronik, die man heutzutage für die Seefahrt braucht. Danach hört es auf. Kein fließend Wasser, keine Heizung. Süßwasser kommt aus einer Handpumpe und ist nur zum Kochen, Trinken und Zähneputzen rationiert. Waschen, oder eben Duschen, geht nur mit Seewasser aus dem Eimer. Und ganz ehrlich: Bei 8 Grad Wassertemperatur überlegt man sich das gründlich.

Nach und nach stoßen weitere Trainees dazu. Man erkennt die Neuankömmlinge an ihrer Kleidung. Hightech-Segelausstattung und saubere Hosen stehen den abgerissenen Klamotten derjenigen gegenüber, die schon länger dabei sind. Wer eigentlich alles mitfahren wird, ist uns nicht so recht klar. Die Stimmung ist erwartungsvoll, wir bekommen einen herzlichen Empfang.

Die Tage vergehen mit Warten, Dinge aus dem Schiff räumen, umsortieren und wieder einräumen. Wir versuchen uns bei den Instandsetzungsarbeiten nützlich zu machen. Stundenlang auf den Knien rutschend Pechfugen zwischen den Planken auskratzen ist besser, als herumzulungern. Dummerweise haben wir Trainees keinen blassen Schimmer, was wohin muss. Nicht selten haben wir das Gefühl, Dinge von A nach B und dann wieder zurück zu räumen. Immer scheint irgendetwas im Weg zu liegen, dass uns daran hindert, einen Job fertig zu machen. Für mich als typisch deutschen Ingenieur ist das eine Herausforderung. Alle arbeiten fleißig, wir stehen herum oder vertrollen uns in ein Café in der Stadt. Das scheint okay zu sein. 

Es geht immer noch nicht los, und obwohl wir eigentlich entspannte Tage in Den Helder verbringen, macht es mich wahnsinnig. Ich bin Angestellter, ich habe nur begrenzt Urlaub zur Verfügung und meine Zeit läuft gerade in Riesenschritten ab. Sonntag bin ich angekommen. Montag in See stechen hatte ich gedacht. Aber die Firma, die den Kompass neu kalibrieren muss, kommt erst Dienstag. Mittwoch und Donnerstag ist Sturm, da will der Skipper mit uns Neulingen nicht los. Außerdem ist noch viel zu tun. Fünf Tage hängen wir schon im Hafen und das Schiff wird einfach nicht fertig. Jedesmal, wenn eines der neu angeschlagenen Segel probeweise gehisst wird, zerrt das Schiff an den Festmacherleinen. “She wants to sail”, sagt der Skipper. Ich auch.

Nachtrag, 1 1/2 Jahre später:

Mir ist leider die Puste beim Bloggen ausgegangen. In aller Kürze: es ist ein toller Trip geworden und es hat mir so gut gefallen, dass ich 2017 noch einmal mitgesegelt bin. Diesmal führte die Reise von Newcastle (UK) nach Oudeschild/Texel (NL). 

Pirate Style 1: Prolog

Pirate Style, Unterwegs 13. Mai 2016

Scheiß doch auf die Seemannsromantik
Ein Tritt dem Trottel, der das erfunden hat
(Element of Crime)

Sonntag, 17. April 2016. Ich stehe unter der Dusche meines Hotelzimmers im französischen Quimper. Es ist die erste Dusche seit rund 10 Tagen und ich genieße sie, bis die Haut schrumpelig ist. Noch heute morgen habe ich mich an Bord des 32 Meter langen Frachtseglers Tres Hombres befunden. Am Tag zuvor sind wir in der Bucht von Douarnenez vor Anker gegangen. Ich bin müde, körperlich erschöpft und meine Hände sind zerschunden. Gleichzeitig fühle ich mich stolz und euphorisch wie ein Marathonläufer, der gerade die Ziellinie überquert hat.

Hinter mir liegen 550 Seemeilen vom niederländischen Den Helder nach Douarnenez in der Bretagne. Wir sind quer über die Nordsee zur englischen Ostküste gesegelt, haben die Straße von Dover passiert, immer weiter nach Westen bis die länger und höher werdenden Wellen den nahen Atlantik angekündigt haben. Dann ein Schlag nach Süden Richtung Ile d’Ouessant, dem westlichsten Punkt Frankreichs und schließlich wieder ein Stück ostwärts, in die Baie de Dournanenez.

Gesehen habe ich all diese Orte auf unserer Route nur aus der Ferne. Denn das mit dem Frachtschiff ist ernst gemeint.  Die Tres Hombres verschifft “emission free” Waren wie Kakao, Rum, Kaffee oder Wein auf einer Transatlantik-Route zwischen Europa und der Karibik. Rund 30 Tonnen fasst der Frachtraum. Auf dieser Etappe ist er noch fast leer. Ein paar Rumfässer, ein paar Säcke Kakao für Frankreich, Kleinkram. Wie bei allen Frachtschiffen heißt es: “The ship goes were the Cargo goes.” Zwischenstopp nur zum Bummeln ist normalerweise nicht drin, Meilen machen heißt das Ziel. Klimaneutraler Transport, das hatte für mich einen tieferen Sinn als nur tourimäßig herumzuschippern.

Mit dem Segeln meinen die Macher der Tres Hombres es übrigens todernst. Eine Antriebsmaschine gibt es nicht. Gar nicht. Wer mit dem Zweimaster unterwegs ist, muss Wind und Gezeiten geschickt nutzen, um ans Ziel zu kommen. Das braucht Zeit und Geduld. Beides habe ich nur begrenzt, das ist Teil des Abenteuers. Und es braucht Vertrauen. Das habe ich, auch wenn das Schiff nicht gerade aussieht wie einer dieser werbetauglichen Großsegler mit den weißen Segeln. Es ist halt ein Arbeitstier, dass von erfahrenen Skippern hart rangenommen wird und den Atlantik bereits 14 Mal problemlos überquert hat. Außerdem bin ich nicht zum ersten Mal auf einem Segelschiff. So weit draußen auf dem Ozean und so früh im Jahr war ich allerdings noch nie unterwegs. Auch das ist Teil des Abenteuers.  

Mein Part an Bord ist bescheiden. Ich bin einer von acht Trainees, eine Mischung aus Segelschüler, ungelernter Deckhand und zahlendem Passagier. Ich werde schon nach der ersten Etappe von Bord gehen. Andere Trainees bleiben bis zu sechs Monate und haben dafür Wohnung und Job gekündigt. Einige befinden sich gerade in der Ausbildung am Enkhuizen Nautical College, der einzigen Seefahrtsschule in Europa, die gezielt Personal für Segelschiffe ausbildet – verrückte Niederländer, immer noch durch und durch eine Nation von Seefahrern. Eine professionelle Crew aus Master (international übliche Bezeichnung für einen Kapitän in der Handelsschifffahrt), 1st Mate, 2nd Mate (Steuerleute), Bosun (Bootsmann) und Cook macht die Besatzung komplett. Der Master der letzten Fahrt – schweigsam, schwerer Gang, wettergegärbtes Gesicht, dichter Vollbart, marineblauer Wollmantel, Ankertätowierung und damit der seebärigste Seebär der mir je begegnet ist – fährt als Passagier noch bis Frankreich mit. Alles in allem sind wir eine bunte, teils wilde Truppe aus Niederländern, Franzosen, Italienern, Schweizern, Engländern und Deutschen. Aber auch Finnland, die USA und Israel stehen auf den Pässen. Alle Altersklassen sind vertreten, Männlein, Weiblein und ein Hund. 17 Leute auf engstem Raum – noch ein Abenteuer. Wir wollen los, doch bis es endlich so weit ist, gibt es noch viel zu tun.

Read on my dear…

klasse:Katze!

Kreative Klasse 17. April 2015

So, Schichtwechsel bei der Kreativen Klasse. Nach zwei Jahren Vorstand trete ich zurück ins Glied (Hihi, er hat Glied gesagt…) und konzentriere mich wieder auf rein auf die Kommunikation der lila Mannschaft. Wollen doch mal schauen, ob das besser geht. Denn ich muss zugeben: Im letzten Jahr ist mir das alles ein wenig über den Kopf gewachsen. Ein, zwei Gänge zurückschalten ist angesagt.

Zum Abschied gab es die obligatorische lila Winkekatze, über die ich mich wirklich wahnsinnig freue.

Brenninkmeyer

Baumeister 17. März 2015

“Ein Haus, das in Konzeption und Ausstattung dem Wunsche des Kunden entspricht.”

Uffda, Uffda, Täterä, die Strabag zeigt: Bau eines C&A-Kaufhauses am Beispiel Darmstadt (1975). Großes Kino, leider hat der Anbieter das Einbetten des Videos gesperrt. Müsst ihr halt auf den Link klicken. Schick geworden, nicht wahr? Vor allem die Fassade. 

“Es vereinigt sich Funktion und Architektur. Das Gebäude gliedert sich harmonisch in die Umgebung ein.” 

Ja, von wegen. Wer wissen will, was sich hinter dem Begriff Betonbrutalismus verbirgt, der ist mit einem Besuch des nächstgelegenen Textilkaufhauses der Familie Brenninkmeyer in der Regel gut beraten. Die wesentlichen Merkmale: Völlig aus dem städtischen Maßstab geraten, abweisende Betonfertigteile und bronzefarben verspiegelte Gläser. Ein zurückgesetzter Eingang auf der Gebäudeecke, die auskragenden Geschosse darüber trägt eine einzelne brachiale Betonsäule. Dazu sind die harten Kanten der Bauteile noch mit diesen 45-Grad-Winkeln abgeschrägt, die für die 70/80er so typisch sind. (Gibt es eigentlich einen Namen für diesen Baustil?). 

Genug der Schmähkritik, eines muss man ihnen lassen: Das ist diese Markenarchitektur von der immer alle reden. Vielleicht aus heutiger Sicht nicht die beste, aber letztendlich genauso markant wie einst die Hortenkacheln. Die seinerzeit von C&A gebauten Kaufhäuser erkennt man, sofern sie nicht inzwischen überformt wurden, ohne Brille und zehn Meilen gegen den Wind. In letzter Zeit auch gerne an dem schwarzen Schmutzfleck in Form des abmontierten Firmenlogos. Wie gerade in Recklinghausen, wo die Textilkette ihr angestammtes Haus verlassen hat und in die neu eröffnete Mall gezogen ist.

Wobei, so ganz so schlecht scheinen diese Betonkisten gar nicht zu sein. Vor rund zwei Jahren beispielsweise haben Nattler Architekten das alte C&A-Gebäude hier in Essen für einen irischen Modediscounter behutsam saniert. Was, rein vom baulichen gesehen, erstaunlich gut gelungen ist. Über das Geschäftsprinzip des Unternehmens sollen sich andere streiten. Für mich zeigt das Essener Beispiel mal wieder, dass man eben nicht gleich alles abreißen muss, was nach gescheiterter Beton-Utopie vergangener Jahrzehnte aussieht. Und jetzt alle im Chor: “Es kommt darauf an…”

C&A-Kaufhaus Recklinghausen, 1974-1975
Architekt: E. A. Gärtner + R. Stiens, Essen

Nachtrag: Text geschrieben, Fotos gemacht, noch mal das Video geguckt, kurz im Internet gesucht und festgestellt: Darmstadt, Recklinghausen und Essen (inkl. Primark-Umbau) – alles aus der Feder desselben Architekturbüros bzw. dessen Nachfolger. Manchmal sind die Zusammenhänge so einfach.

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In die Jahre gekommen …

Baumeister 9. Februar 2015

Christ König Kirche in Wuppertal

Der erste Kirchenneubau von Joachim Schürmann zeigt bereits die wesentlichen Züge seines späteren Schaffens: das Bauen mit einfachen Mitteln, aber mit hoher Qualität – ein Konzept, das noch heute Bestand hat.

Als Ende der 1950er Jahre in Deutschland zahlreiche neue Kirchengebäude entstehen, bekommt auch Joachim Schürmann (geb. 1926) den Auftrag zur Errichtung eines katholischen Gotteshauses auf den Wuppertaler Nordhöhen. Es ist der erste Kirchenneubau des noch jungen Architekten. Schürmann folgt den Architekturtendenzen der Zeit und ihrer Vorliebe für asketische Kirchenräume mit sparsamer Ausstattung, die sich von traditionellen Bauformen radikal zu lösen versuchen. Read on, my dear…

erschienen in db deutsche bauzeitung 11/2014

Südsüdooost, dafür brauchen wir kein Radio

Kringel und Zwieback, Unterwegs 8. Januar 2015

Wir haben das Radio über Bord geworfen weil es uns dumm kam. Südsüdooost, dafür brauchen wir kein Radio, das können wir auch alleine. Und das mit dem Wetter, das macht jetzt das Internet. Ja, so machen wir das auf See. (frei nach Fön)

Ältere Segler, also in diesem Fall ich, werden sich erinnern: Wenn man früher nach einem rauen Segeltörn auf der Ostsee in den Hafen kam und das Boot klargemacht hatte, saß man mit der ganzen Mannschaft im Salon zusammen und versuchte mit einem heißen Grog oder einer Tasse Kaffee die klammen Finger warm zu bekommen. Oben pfiff der Wind in den Wanten, unten knackste und rauschte der Weltempfänger. Zu einer bestimmten Uhrzeit, die ich längst vergessen habe, lauschten dann alle gespannt dem Seewetterbericht. Das war wichtig. Wichtiger als die Tagesschau um 20:15 Uhr an Land. Aber es klang seltsam: “*bratz* … schweres Sturmtief 968 nordwestlich der Hebriden … *rausch* … vertiefend, rasch oostziehend … Freitag Mittag als Orkantief 965 dicht westlich Kap Svinöy … *knarrzz* … Tief 998 ööstlich von Neufundland, vertiefend, rasch ooostnordooostziehend…”

Die Stimme aus dem Radio sagte tatsächlich “Ooostnordooost”. Immer. Das muss so, sagen die einen, damit man West und Ost auch bei schlechtem Radioempfang deutlich unterscheiden kann. Kurz gesprochen immer West, lang gesprochen immer Ost. Das ist so, sagen die anderen, weil der Norddeutsche das generell so ausspricht. Weiß nicht recht, scheint mir ein Henne-Ei-Problem zu sein.

Ist auch egal, denn mit dem schlechten Mittelwellenempfang ist jetzt Schluss. Am 13. Januar wird der NDR seine Frequenzen abschalten. Man ist sich noch nicht ganz einig, ob das eine gute Idee ist, aber es hilft nichts. Der Wetterbericht muss künftig aus anderen Quellen kommen. Zum Beispiel als Podcast vom Deutschlandfunk.

Mit Klängen von Halma sage ich dem knarzenden Seewetterbericht leise Adieu. Dann greife ich zum iPhone und wende mich wieder meiner Wetter-App zu. So wie schon seit Jahren.

P.S.: Jaja, ich weiß, da sind niederländische Schiffe auf dem Foto, das ist nicht die Ostsee. Aber das Wetter ist schön schlecht.

Voilà la déesse

Tiefer im Westen 3. Januar 2015

Hier anne Ecke Anna/Brigitta gibt es wieder was neues: In die ehemalige Wohngemeinschaft (jetzt Hedwigstraße) ist 3-Zimmerküchebad eingezogen. Höh, das ist doch das gleiche? – Nö, das ist sozusagen die Materialisierung des gleichnamigen Möbelblogs in Form eines “Concept Stores”. Es gibt erfrischend klares Design, etwas skandinavisch angehaucht und mit einer Haltung zu Material und Form, die Architektenherzen höher schlägen lässt. Und was durften meine vorweihnachtlich konsummüden Augen noch entdecken? – Geschenkpapier im Citroën-DS-Winterdesign. Musste ich haben.

Wer mich kennt weiß, dass ich ein Faible für “la Déesse”, die Göttin habe. Schließlich verfügte der der 1955 vorgestellte Citroën DS über ein revolutionäres Design und eine außergewöhnliche Technik, das alle anderen Autos weit zurückließ. Aber das kann arte besser erklären. Obwohl selbst die jüngsten Modelle inzwischen 40 Jahre auf dem Buckel haben, sieht man sie noch immer auf den Straßen. Und noch immer ziehen sie die Blicke an. In Essen-Bergerhausen gibt es sogar eine Werkstatt, die sich komplett auf die französischen Klassiker spezialisiert hat und sie alltagstauglich hält. Ich muss zugeben: Sollte ich doch mal wieder ein Auto brauchen, würde ich dort mal vorbeischauen. Kann ja bis dahin ein bisschen im Danchorama schnüffeln oder Geschenke einwickeln.

Geschenkpapier von pleased to meet, gekauft bei 3-Zimmerküchebad